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Ganz persönlich

Heute ist es kaum vorstellbar. Als ich Mitte der 1970er Jahre nach London zog, konnte ich meinen VW-Käfer direkt am Leicester Square parken, ohne dass es einen Polizisten kümmerte. Anständigen Kaffee gab es zwar nirgendwo (außer in der „Bar Italia“ in Soho), doch die Mischung aus Gestern und Heute, aus Tradition und Moderne war einfach aufregend. Etwa der königlichen Kavallerie beim Ausritt im Hyde Park zuzuschauen. Oder das rosafarbene Schwein zu entdecken, das als Ballon zwischen den Kaminen des Elektrizitätswerks Battersea Power Station am Himmel stand, um für das Cover des Pink Floyd-Albums „Animals“ fotografiert zu werden.

 

Damals war London die Welthauptstadt der Punks, die in der King’s Road ihre stacheligen Frisuren spazieren führten. Bands wie die „Sex Pistols“ und „The Clash” hatten Spaß daran, das konservative Establishment zu ärgern. Ein wenig später schlug Hazel O’Connor mit dem Soundtrack zu ihrem Film „Breaking Glass” eine Brücke zwischen dem Zorn der Punks und der Unbekümmertheit der „New Romantics”. „Will You” höre ich noch heute gern.

An der Themse ist Kaffee mittlerweile Kult, und mit seinen „Bicycle Highways” und drakonischen Strafen für Verkehrsdelikte will Labour-Bürgermeister Sadiq Khan Autofahrer aus der Stadt verdrängen. Nicht ohne Widerstand vieler Taxifahrer, die ihn als „Zerstörer Londons“ wüst beschimpfen. „Mein” London ist der Stadtteil Kennington am Südufer der Themse: wunderbar zentral (zum St. James Park sind es nur 20 Minuten Fußweg) und trotzdem ruhig. Cafés, Märkte und Läden sind nicht so teuer oder auf Hochglanz poliert wie auf der Nordseite der Themse. Und morgens beim Aufwachen die Glocken von Big Ben zu hören, hat für mich nichts von seinem Zauber verloren.

 

Dass Südlondon sich in einem enormen Aufwärtswind befindet, begann mit der Eröffnung der Tate Modern im Jahr 2000. Mittlerweile schreitet die Entwicklung am Fluss – vor allem rund um Battersea Power Station und die neue amerikanische Botschaft – rasant voran. Die Sorge, dass dadurch viel von der „Dorfatmosphäre” der benachbarten Viertel verloren geht, ist auch ein Thema vor dem Kaffee-Stand von „Bouquets and Beans” auf dem Vorplatz der Kirche „St. Anselm’s”.

 

Morgens trinken die locals hier ihren Flat White und reden über alles, was die Gemüter gerade bewegt. Ob Brexit („wie permanente Zahnschmerzen”) oder Engelbert Humperdinck („Er hatte einen Hit namens ‘Lesbian Seagull’. Warum nur?”). Wer es noch nicht weiß, dem wird erzählt, dass Charlie Chaplin einst mit seinem Vater schräg gegenüber in der Kennington Road Nummer 287 wohnte.

 

Und ein jeder liebt Abraham: In Eritrea geboren und in Äthiopien aufgewachsen, zog er 1998 mit seiner Familie nach London und begann 2009 als Jugendarbeiter bei „Bouquets and Beans”. Damals war der Kaffee- und Blumenstand eine karitative Organisation, die arbeitslosen Jugendlichen eine Perspektive geben wollte. Als fünf Jahre später die Zuschüsse gestrichen wurden, führte Abraham den Stand als kommerzielles Unternehmen fort.

 

Der pandemiebedingte Lockdown hatte für ihn durchaus positive Seiten, erzählt er mit einem strahlenden Lächeln. „Viele Stammkunden arbeiten seitdem von zu Hause aus und brauchen immer mal wieder Tapetenwechsel. Deshalb kommen sie oft dreimal am Tag”. Einfach wunderbar, wie geduldig Abrahams Regulars – ob es Parlamentsabgeordnete, Börsianer oder junge Mütter sind, die hier wohnen – vor der Kaffeebude warten, bis sie an die Reihe kommen.

 

Denn Schlange zu stehen, dieses typisch britische Phänomen, kann durchaus Spaß machen: Man lernt immer wieder etwas dazu. Letztens erzählte ein Schriftsteller aus der Nachbarschaft, dass man während des Lockdowns in seiner Straße zum ersten Mal den Gesang einer Nachtigall hören konnte. „Bei Shakespeare gibt es zu jeder Lebenslage ein passendes Zitat”, sinnierte er. „Zum Beispiel den schönen Satz aus der Komödie Cymbeline: ‘Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück’". Es war spannend, ihm zuzuhören. Mir fällt dazu Marie von Ebner-Eschenbach ein: „Solange man selbst redet, erfährt man nichts”.

Zwei letzte Fotos von olivierhess.com

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