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  • AutorenbildJosephine Grever

The Line Sculpture Trail

Aktualisiert: 6. März 2022



Photographs by Olivier Hess • olivierhess.com


“Hello, I am Bill Nighy”. In seiner Einführung zu Londons erstem öffentlichen Kunstspaziergang verspricht der britische Schauspieler einen spannenden Ausflug durch Geschichte und Gegenwart, samt abwechslungsreicher Flora und Fauna. Gemeint ist “The Line”: eine knapp fünf Kilometer lange Route, die zwischen der 02-Arena in Greenwich und dem Queen Elizabeth Olympic Park in Stratford entlang der Themse und ihrem Nebenflüsschen Lea verläuft. (Die Kunst, der man dort begegnet, bleibt entweder dauerhaft vor Ort oder für eine bestimmte Zeit). Für London-Besucher eine willkommene Abwechslung von den üblichen Routen der Sightseeing-Busse zwischen Westminster und Tower Bridge und sogenannten „Geheimtipps“.


Um dieses Projekt gemeinsam mit einem Experten zu erkunden, geht eine höfliche Anfrage an den in der Stadt lebenden Kunstkritiker Charles Darwent, dessen Biografie über den Bauhaus-Künstler Josef Albers 2020 in Deutschland veröffentlicht wurde. Er macht mit, obwohl er Kunst im öffentlichen Raum eher skeptisch betrachtet. “Ist mir oft zu institutionalisiert. Oder zu 'zugänglich', also bevormundend“.


Wir beschließen, mit der Jubilee Line nach North Greenwich zu fahren und den Spaziergang dort zu beginnen. Der erste Gedanke bei der Ankunft in der U-Bahnstation: In Bill Nighys Vorbemerkung gibt es keinen Hinweis auf die zeitgenössische Baukunst entlang der Strecke. Schade. Zum Beispiel hat Will Alsop - 2018 im Alter von 70 Jahren verstorben und zu Lebzeiten ein schillernder Charakter der britischen Architekturszene - Greenwich North entworfen. Die tiefblauen Mosaikfliesen tauchen die Station in eine mystische Atmosphäre und erinnern daran, wie genial er sein konnte. Auf dem Vorplatz der U-Bahn blickt man dann auf die 02-Arena (vormals Millenium Dome), eine gigantische Zeltkonstruktion, die von zwölf jeweils hundert Meter hohen Masten gehalten wird: Der Architekt ist Richard Rogers, bekannt durch die technische Extravaganz seiner Gebäude.


Hier beginnt der Spaziergang und wird sogleich zum Suchspiel. Die grafischen Symbole, die als Wegweiser zu “The Line” dienen, sind schwer zu finden. Aber es geht bestens ohne sie. Die Route verläuft parallel zur Rückseite des O2, immer am Wasser entlang. Auf der Höhe des InterContinental Hotel kommt das erste Kunstwerk in Sicht. Es ist Alex Chinnecks, “A Bullet from a Shooting Star”, eine Art spiralförmiger, auf den Kopf gestellter Strommast aus galvanisiertem Stahl. “Gefällt mir gut”, sagt Charles. “Sichtbare Energie, erinnert an Tatlins Turm”. Vladimir Tatlin, erklärt er, war die leitende Figur der sowjetischen Avantgarde, die in der Ära vor Stalin die Ästhetik der Technik thematisierte. "Es geht um den Optimismus der Macht".




Möwen schreien. Im Wasser wuchert Schilf. Dass hier Eisvögel, Otter und Rohrdommeln zu Hause sind, ist auf der Webseite zu lesen. In der Ferne schimmern Wolkenkratzer, die an den Kais der umgestalteten Hafenbecken hochgezogen wurden. Der Kontrast zum traditionsverhafteten Zentrum könnte nicht grösser sein. Man spürt die emotionale Bedeutung, die die Docklands für Londoner haben. Ihre Geschichte reicht weit zurück: Bereits zur Zeit der Römer machten mit Wein und Öl beladene Galeeren an den Londoner Kais fest, um heimwehkranken Legionären den Aufenthalt zu versüßen. Im Mittelalter blühte der Handel, im 18. Jh war Londons Hafen der größte der Welt, und im 19. Jh erreichten die Docks ihre Glanzzeit. Um Tee, Kaffee, Seide, Gewürze und Harthölzer für das ganze Königreich von den Schiffen löschen zu können, wurden die Themseufer von der Tower Bridge bis Gallions Reach (26 km flussabwärts) in Docks und Kais aufgeteilt. Doch mit dem Niedergang des Empire begann auch der Niedergang der Docks. Schließlich wurde aus dem Niemandsland heruntergekommener Lagerhäuser die Wasserstadt des 21. Jahrhunderts.



Die Gezeiten geben verrottetes Treibgut frei. Über allem liegt Melancholie – halb Industriegebiet, halb romantische Wildnis. Zügig weiter. “Nicht so schnell”, ruft jetzt Charles, dem ich vorangegangen bin. “Du hast das nächste Kunstwerk verpasst”. In der Tat. Da die Linie des Nullmeridians als eisernes Band im Boden durch die Greenwich Halbinsel verläuft, entwarfen John Thomson and Alison Craighead den Wegweiser “Here 24,859”: Er markiert die Meilen, die man um die Welt reisen muss, um an dieser Stelle wieder anzukommen. Ein paar Meter weiter lassen wir “Liberty Grip”, die Plastik einer menschlichen Form von Gary Hume, schnell hinter uns. “Nicht sein bestes Werk”, urteilt Charles. Dann, angesichts der vielen weißen Spuren auf der Skulptur: “Immerhin wissen die Möwen das Werk zu schätzen. Sie sind exzellente Kunstkritiker“.



Interessanter für ihn wird es einen Augenblick später. “Einfach wundervoll”, ruft er beim Blick auf “Slice of Reality” von Richard Wilson. Das Kunstwerk ist ein Achtel des hochseetauglichen Sandbaggers “Arco Trent”: Wilson erwarb ihn und schnitt einen vertikalen Abschnitt des Schiffes aus, wodurch Maschinenraum und Wohnquartier der Mannschaft freigelegt wurden. Dieses Stück maritime Geschichte stimmt uns nachdenklich. „Ein Schiff ist ein Paradoxon - wie das Boot von Theseus, das sich mit der Frage nach Identität beschäftigt", kommentiert Charles. "Halbiert man es, ist es nicht länger ein zweckmäßiger Kutter, sondern wird zur Skulptur. Einfach wunderbar, dies hier zu sehen - das britische Empire basierte auf Handel und ist ebenso Vergangenheit wie die Arco Trent".



Jetzt kommt ein Werk von Antony Gormley in Sicht: Gormley ist bekannt für Blei- und Eisenfiguren nach Abgüssen des eigenen Körpers, die er lieber in die Stadt oder freie Natur stellt als ins Museum. Hier setzt sich die 30 Meter hohe Skulptur “Quantum Cloud” zusammen aus 325 zusammengeschweißten Stahlrohren, die sich in der Mitte verdichten und eine 20 m hohe menschliche Form darstellen. :Ein Gormley Fan bin ich nicht”, kommentiert Charles und blickt in den grauen Himmel. “Wenigstens wird dieses Werk an einem Tag ein Teil der Industrielandschaft hier”.



Einen besonders guten Blick auf “Quantum Cloud” hat man aus der Seilbahn “Emirates Air Line”, in der man zu den Victoria Docks am Nordufer übersetzt. Gondeln schweben über dem Hafenbecken, das von dem Kongresszentrum Excel (während der Pandemie zum kaum benutzten NHS Krankenhaus umgestaltet) und dem Glaspalast “The Crystal” dominiert wird. Wie auch die Anlage der Seilbahn wurde “The Crystal” von dem Architekturbüro Wilkinson Eyre entworfen. Im Innern zeigt eine Dauerausstellung die Zukunft von Städten und Stadtentwicklung.



Auf einer Schwimmplattform vor dem Bau steht Laura Fords “Bird Boy”. Die reglose Gestalt eines einsamen Kindes im Vogelkostüm berührt, bevor man mit der DLR Hochbahn drei Stopps zur Station Star Lane fährt. Hier den Stephenson St. Ausgang nehmen, den Zebrastreifen überqueren und die Cody Road entlang gehen. Sie führt zu Cody Dock, einer ehemaligen Industrieanlage. Heute ist Cody Dock ein erfrischend exzentrisches Quartier mit kleinen Werkstätten und malerischen Gärten. Ein willkommener Stopp für einen Kaffee, bevor man zum Lea-Ufer abbiegt und in Richtung Stratford weiterspaziert.


Jetzt wird es geradezu lieblich. Viel Grün, hübsch bepflanzte Hausboote, Enten putzen ihr Gefieder. Im Hintergrund der Supermarket “Sainsbury’s”, der vermutlich die Komponenten zum nächsten Kunstwerk gestiftet hat. Abigail Fallis’ “DNA DL90” aus 22 Einkaufswagen in der Form der Doppelhelix ist eine Hommage an die Entdeckung der bedeutendsten molekularen Struktur in der Biologie. Auf der Begleittafel steht, dass die Künstlerin ihr Werk auch als Symbol der modernen Konsumkultur versteht. Charles ist enthusiastisch. “Es piesackt unser Gewissen”, sagt er. "Sie hat recht: In der Zeit von E-Kommerz ist Shopping wirklich Teil unseres genetischen Make-Ups geworden".




Weiter zu der historischen Gezeitenmühle “Three Mills Island”. Google Map hilft: Das Ufer verlassen, zur Verkehrsstraße hochgehen, links abbiegen, die “Twelve Trees” Bridge” hinunter, den kommunalen Wegweisern nach “Three Mills Island” folgen. Dies ist der bezauberndste Teil des Spaziergangs. Wir sind mitten in der Stadt und irgendwie doch nicht. Es ist so still hier. Schwäne gleiten lautlos durch das Wasser. Man fühlt sich in das 14. Jahrhundert zurückversetzt, als die Mühlen die Bäcker von Stratford mit ihrem Mehl belieferten. Heute befinden sich hier Londons größte Film- und TV Studios. Den angrenzenden kleinen Park “Three Mills Green” lässt man rechts liegen und passiert die figurative Skulptur “Reaching Out”, von Thomas J Price. Die überlebensgroße Statue einer jungen schwarzen Frau, die auf ein Handy schaut, wurde eigens in Auftrag gegeben, als Hinweis auf die “Black Lives Matter”-Bewegung. Nur - fast drei Meter hoch - wirkt sie hier fehl am Platz.



Ein paar Minuten weiter erreichen wir die High Street von Stratford. Rechts abbiegen, links in die Warton Road. Ziel ist der schön bepflanzte Park, der für die Olympischen Spiele von 2012 gebaut wurde. Unverkennbar - die dynamische Formensprache des “Aquatic Centre” ist ein typisches Zaha Hadid-Design. Noch dominierender ist das knallrote 115 Meter hohe, nach dem Hauptsponsor benannte “ArcelorMittal Orbit”: eine riesige, in sich gewundene Stahlskulptur von Anish Kapoor mit einer Rutsche von Carsten Höller, durch die Besucher hinabsausen können. Kommentare reichen von “monströser Posaune” zu “Helter Skelter auf Acid”. “Ich liebe es”, sagt Charles entschieden. “Für mich hat die Skulptur ebenfalls dieses sowjetische Tatlin-Feel. Und eine Energie. Vermutlich hofften die Veranstalter, dass diese nach den Spielen bleibt und den Bezirk lebendiger macht”.



“The Line” endet hier. Zurück nach Hause mit der U-Bahn im angrenzenden Westfield Einkaufszentrum. Hier bietet sich ein Vergleich mit dem kontroversen „ArbitalMittal Orbit“ an: Für die einen ist die riesige Mall der reinste Horror, für die anderen gibt es nichts Schöneres. Das war unser Ausflug - voller Kontraste.





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